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Underground in Recklinghausen

4 Kommentare

Meine Eltern verkauften mir die Blockflöte als ein Musikinstrument, das Millionen begeistert. Vom Publikum missverstanden, endete mein Kontakt zur Musikszene frühzeitig.

Während ich an der Kunst zu blasen bereits in Kindertagen scheiterte und mir aufgrund der Instrumentenwahl eine steile Karriere verwehrt blieb, stiegen mir verbundene Geister, in unerreichbare Höhen auf. Die Kollegen machten letzte Woche

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RECKLINGHAUSEN.

 

Vergangenes Wochenende knötterte mein Handy. Am späten Nachmittag spuckte mir die mobile Kommandozentrale die unerwartete Nachricht eines Kollegen auf die Pupillen.

„Unsere Gruppe spielt heute in Süd bei euch.“

„Echt, wieviel Uhr? Richtung?“, meine Fragen.

„Ab 21:15 Uhr. Heavy Metal, psychedelic Rock, irgendwo dazwischen mit Sängerin.“

Kurz darauf hatte ich alle nötigen Informationen. 2 Bands für 5.- €, ein mehr als angemessener Preis. „Warum nicht?“, brummelte es in mir.

Mit experimenteller Musik hatte ich bislang kaum Berührungspunkte. Da ich aber einige der Instrumentalisten bereits solo erleben durfte, wusste ich, das wird kein Schulband Auftritt. Ein Freund, über das Smartphone akquiriert, bekundetet ebenfalls Interesse. Sagte ich schon, dass ich Fahrgemeinschaften liebe? Besonders jene, bei denen ich nicht den Chauffeur spielen muss. Pünktlich starteten wir Richtung Underground-Konzert.

Mit 4 Jahren Disko- & Konzertabstinenz stellte sich die Frage der korrekten Garderobe. Sollte ich ein Musikshirt aus seinem Prinzessinnen-Schlaf im Kleiderschrank erwecken? Der Gefahr ins Auge schauend, mittlerweile ein oder zwei Konfektionsgrößen übersprungen zu haben, blieb es beim regulären Outfit.

Künstler sind wie Zauberer*, sie haben eine eigene Zeitrechnung. Getreu diesem Motto startete die erste Band mit 30 Minuten Verspätung. Kein Problem, Zeit um gemütlich ein Blondes aus der Kühlung vor Ort zu zischen.

ZEN TRIP,

die erste Band bewegte sich eindeutig in den Fußspuren der späten 60’er. Ein wenig Jimi Hendrix- Feeling beschlich mich. Vertraute Elemente mit probierfreudigen Passagen. Rock und eingestreute psychcedelic Instrumentalabschnitte. Die Entertainmenteinlagen des Leadsängers, abgetaucht und zutiefst geistig verbunden, endeten im bezeichnenden Song: Muschroom-Man. Dazu mag sich jetzt jeder selbst etwas denken.

Bereits an dieser Stelle hatte sich der auditive Abstecher gelohnt. Melodisch, Rhythmus und Abgedrehtes, die Mucke war ordentlich und auf jeden Fall besser als mein Gerstensaft.

AEON TEMPLE

Umbauarbeiten, das Bühnenbild wechselte, ich wechselte ebenfalls die Biersorte.  Der Warnung des befreundeten Musikus folgend, hatte ich meine Gehörstöppel frühzeitig eingepflanzt. Mit dem zweiten Schluck wurde es wieder dunkel. AEON TEMPLE hatte den Ereignishorizont betreten. Die Lautstärke steigerte sich um gute 40 % und sorgte gleich zu Beginn mit satten Bässen für eine fluffige Schaumkrone der vermischen Biere in meinem Inneren. Mehr Metalanteile sorgten für ein erheblich härteres Klangbild.

Ein hoher Schallpegel ist nicht mit Krach gleichzusetzen. Gekonnt aufgespielt, wandelte sich der Angriff auf mein Gehör in einen Moment intensiver Ruhe. Kein Gelaber oder andere Störgeräusche, nur klare, saubere und handwerklich astreine Musik. Körperlich mit mehreren Sinnen wahrnehmbar. Bebender Boden, Farbgewitter und ein in der Soundkulisse fliegender Gedanke. So konnte ich mich auf dieses „psychedelic“ einlassen.  Irgendwann waren die 30 oder 40 Gestalten um mich aus meinem Wahrnehmungsfeld verschwunden. Es existierte nur noch die Mucke.

Beim zweiten Song gab es Sprühsahne mit Kirsche oben auf. Das Frontmädel wurde neu eingeregelt, war plötzlich viel präsenter. Solch eine stimmliche Bandbreite hatte ich ihr nicht zugetraut. Wer annimmt, ich ließe mich durch Ihren Körpereinsatz beeinflussen, der irrt. Dennoch, abgeschossenes Lächeln und tief in sich gekehrte Blicke zeigten mir, da war jemand bei der Sache. Gitarren, Bass, Schlagzeug und Stimmen koitierten, vielmehr inkludierten. Diese angenehme Fremdwortschweinerei solltet ihr später nachschlagen.

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img_20160305_191812.jpgDer Song „Eternal Ice“ beeindruckte besonders. Urplötzlich in eine andere Welt versetzt, entstanden akustisch kühle Winde, frostige Landschaften und weite Höhlengänge. Mein verwöhntes Hörspielgehör kannte dies nur aus aufwendigen Studioproduktionen. Hier einzig durch Stimme(n) und Instrumente live inszeniert, Hut ab! Dazu eine Portion harmonischer Bums, aufgelockert durch eben jene sphärischen Eispassagen. Nach dem Song hatte ich mein Verständnis wohlwollend um die Definition psychedelic Heavy Metal erweitert.

Um kurz nach 23 Uhr war der musikalische Snowboardtrip vorbei. Schnell noch 2-3 schleimige Schmeicheleien den befreundeten Audioartisten aufgedrückt, dann ging es heimwärts. Mein (Mit)Fahrer schien ähnlich befriedigt. Letztendlich kann ich nur sagen: Hört selbst rein! Eine CD gibt es leider noch nicht, für Interessierte habe ich einen Link.

Facebook.de/aeontemple

Mein Fazit für den Abend: Das schreit nach einer Wiederholung. Es gibt immer noch Interessantes und Neues zu entdecken, egal wie alt man ist.

 

* Herr der Ringe

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Autor: Imort

Mitten im Leben, dabei wenn es sich lohnt.

4 Kommentare zu “Underground in Recklinghausen

  1. Herzlich willkommen im Kreis der Tempelbrüder*innen!

    Vielen Dank für Deinen spontanen Konzertbesuch und den wirklich schön geschriebenen und bebilderten Artikel. Unsere Demo-EP wird wohl nächsten Monat fertig. Man sieht sich hoffentlich noch einmal bei einem Auftritt in voller Länge und mit amtlichem Sound.. 😉

    Es war uns ein Fest! Es grüßt
    – Der Trommelschlumpf

    • Hallo Trommelschlumpf,
      der Abend war klasse. Eine ordentliche Portion Abwechselung. Da drücke ich gern einen Artikel in die Tastaur. Die Bildcollagen brauchten einige Zeit, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden war. Habe das Material auf mein Musikerlebnis hin farblich abgemischt. Danke fürs verlinken. *stolz sei*
      Wenn der Tonträger spruchreif ist, lass es mich wissen. Dank der FB Seite bin ich über eure Termine auf dem Laufendem. Wenn es passt bin ich wieder im Publikum.
      Bis bald, Grüße an den Rest.
      Uwe 🙂

  2. Lieber Uwe,
    das ist keine Musik für mich. Heavy Metall strengt meine Nerven zu sehr an. Darum werde ich mich wohl nie dafür begeistern können. Es freut mich aber, dass Du einen schönen Abend hattest.
    Liebe Grüße
    Deine Sandra

    • Hallo Sandra,
      vielen Dank, der Abend war eine Wohltat. Musikgeschmack ist etwas, über das man gut oder gar nicht streiten kann. Ich belasse jedem Menschen seine Meinung. Wenn es für Dich etwas anderes sein darf, gönne es Dir.
      LG
      Uwe

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